Frankfurter Rundschau, Kulturspiegel, SA., 28. 11.92
Frank Dömers Stühle
" Vor knapp hundert Jahren hat Vincent van Gogh zwei menschenleere
Stühle porträtiert: den seinen und den des Malerfreundes Gauguin.
Beider Verhältnis war nicht krisenfest, die Stuhlbildnisse sind
Schicksalsbilder. Das vom Menschen verlassene Sitzmöbel hatte für
van Gogh eine starke symbolische Bedeutung.Ähnlich wie für
Frank Dömer. Seit einer Weile beschäftigt sich der Frankfurter
Maler ausführlich mit dem Thema Stuhl. Anläßlich einer
Ausstellung der Marielies Hess-Stiftung wurden die Ergebnisse vor
kurzem erstmals öffentlich gezeigt (FR,13.10.92). Nun stellt Dömer,
der bei Kirkeby studiert und aus der französischen Maltradition
gelernt hat, in der Wiesbadener Altstadtgalerie aus. Auf dem Bild "Im
Wasser" ist einer zum Schiff mutiert und fährt einen Strom
hinunter. Am Ufer bevölkern Badende schemenhaft das Gebüsch.
Getilgt scheinen die Menschen von einem Gemälde mit dem Titel "Absinth",
der Paraphrase eines Restaurant-Interieurs von van Gogh: lange Tische,
leere Stuhl-reihen. Indes tauchen hinter jüngst gemalten Stühlen
plötzlich Gesichter auf. Augen schieben sich vorsichtig über
den Horizont der Sitzflächen. Jetzt platzt der Mensch in die Möbelparade,
die Atmosphäre ist gespenstisch."
ba
Wiesbadener Kurier, April 93 "Immer wieder tanzt ein Stuhlbein aus der Reihe"
"Die Entdecker der malerischen Perspektive hätten die Hände
gerungen. Immer wieder tanzt ein Stuhlbein aus der Reihe, gerät zu kurz
oder zu schräg. die perspektivischen Verkürzungen in der schrägen
Draufsicht entbehren jeder Logik. Zudem hat jedes Bild eigenen Duktus,
spezifische Peinture und Farbprogramm. Ein wahres Chaos: Frank Dömer.Die
Art Brut empfahl einst mit der Devise kindlicher Unbeholfenheit und Roheit
die Befreiung vom Ballast verbrauchter Malstile als Methode malerischer Selbsterforschung
für einen stilistischen Neuanfang. Im Neoexpressionismus der achtziger
Jahre wurde die Hoffnung auf Erneuerungschancen für eine gegenständliche
Malerei nicht zuletzt aus solcher Empfehlung genährt und nur Voreingenommenheit
ließ verkennen, daß hier tatsächlich eine frische, ungewohnte
und überraschende Malerei entstand.Die Stühle des Kirkeby-Schülers
und Preisträgers der Marielies Hess-Stiftung 1992 - derzeit in der Galerie
Stólanóva zu sehen - stehen mit ihrer so verzichtvoll engen
Thematik ganz unter dem Zeichen solcher Innovationsabsichten. Wenige
Requisiten begleiten den "Publik Enemy" genannten Gegenstand, der
doch gewiß auch
seine freundlichen Seiten hat - mal ist es eine Jacke über seiner Lehne,
ein Malkasten. Topf, Palette oder Flasche ergänzen das Objekt zum Stilleben.
Den Hintergrund bildet eine zumeist zweigeteilte Fläche, die Raumtiefe
erzeugen kann. Der Faltenwurf eines Vorhangs ist häufig Kulisse und Farbkontrast
für einen Stuhl oder ein grobes Gitter - ein Fensterrahmen vielleicht.
Unbeholfen die Malweise, eher naiv-derb, das Farbprogramm von symbolhaft-naiver
Suggestivität. Auch Kinder malen Stühle grün, pinkrosa, hellblau
oder gelb - nicht weil es solche Stühle, sondern weil es solche Farben
gibt. Und die Form: klotzig, dann wieder graphisch und grazil, breitbeinig
oder plump, funktional oder geradezu kontrafunktional, nur aus Gittern
oder Rahmen bestehend. Regellos auch Farbauftrag und Malstil. Vermischte und
unvermischte Farben, pastose Farbaufträge, schöne Peinture schlagen
unvermittelt in drastische Farbflächenmalerei um. Konturmäßig
Pedantisch-Ordentliches konkurriert mit genialer Schlampigkeit, farblicher
Entmaterialisierung, die das Objekt der Auflösung preisgibt. Manchmal
nagt ein gefährliches
Flämmchen an ihm, zerfrißt, verschlingt es, läßt den
Stuhl im lodernden Feuer nur noch vermuten. Dann wieder trotzt er
ihm unbeschadet. Mit jeder Malweise wird experimentiert. Und es ist vielleicht
allzu schonender Ästhetizismus,
welcher die Hängung der nahezu vierzig Stuhlversionen unter dem Gesichtspunkt ästhetischer
Verträglichkeit vornahm, die der Künstler selbst als en-bloc-Hängung
und eben nicht assoziativ beabsichtigte, um schrille Disharmonien
nicht zu beschönigen. So schmerzhaft sie empfunden werden, liegt der
Sinn der Stuhlproduktion doch in anderer Richtung. Er macht Individuen sichtbar,
die eben nicht das Ergebnis der Stil-Brille des Malers sind, sondern ihrerseits
durch ihre Eigenart eine spezifische Malweise provozieren. Die assoziative
Hängung zu stilverwandten Gruppen verunklärt den Grundgedanken dieser
inzwischen auf nahezu Hundert angewachsenen Stuhlbildnisse Dömers, die
sich die Freiheit nehmen, die Kategorien häßlich und schön
irrelevant zu machen - sowohl was den Gegenstand selbst als auch
die Art seiner Darstellung betrifft. Der Betrachter freilich mag herausfinden,
ob er eine Bildlösung für sich akzeptiert oder verwirft; eine sanft-pastellige
Stuhlarchitektur, einen gelben Hocker in freskoartiger Farbumgebung
oder eine rasant-giftige farbdramatische Version scheußlich findet -
oder schön."
Anne
Stephan-Chlustin
"Von Stühlen und Menschen"junge Kunst in Hessen: Preisträger stellen aus
FAZ, 22.10.1992
Ein Stuhl ist ein Stuhl, und für Frank Dömer ist er Motiv
und Anlaß für seine Malerei: In vielen formalen Variationen
ist das Bild eines Stuhls auf 34 ganz unterschiedlichen Farbkompositionen
im immer gleichen Format zu sehen, die in der seriellen Reihung von
suggestiver Wirkung sind. Dömer malt Stühle mit glatten Beinen
oder in barocken Formen, Stühle mit darüber gehängten
Jacken, einen rosa Stuhl auf tiefblauem Boden und vor roter Wand
oder einen Schemel vor einem Hintergrund mit kleinen Quadraten: "Public
Enemy" heißt die Werkgruppe dieser 34 Ölbilder des 1961
geborenen Künstlers, der von 1985 bis 1991 an der Städelschule
bei Thomas Bayrle und Per Kirkeby studiert hat und seitdem als freischaffender
Künstler in Frankfurt lebt.Frank Dömer wurde beim Malereiwettbewerb
1992 "Junge Kunst in Hessen" der Marielies Hess-Stiftung ausgezeichnet,
zusammen mit acht anderen Künstlern, von denen jetzt vier ihre
Arbeiten im Hessischen Rundfunk zeigen. Neben Frank Dömer...."
Konstanze
Crüwell
"Bilder zur Erfahrung von Ruhe und Raum"
Die Preisträger der Marielies Hess-Stiftung stellen im Gebäude des Hessischen Rundfunks aus
FR., 13.10.1992
Beide waren an Frankfurts Städelschule Studenten von Per Kirkeby.
Beide halten die Malerei in Öl nicht etwa für eine Angelegenheit
alter Meister, sondern für eine Ausdrucksweise, die auch Künstler
der neunziger Jahre noch herausfordert. Sie sind beide Anfang dreißig:
Frank Dömer und Veit-Johannes Stratmann. Neue Gemälde
zeigen sie gegenwärtig in der "Goldhalle", dem Foyer
des Hessischen Rundfunks. Dömer, der mitunter komplexe Bildreihen
entwirft, die um ein einziges Thema kreisen, zeigt "Public Enemy",
einen Zyklus aus 34 kleineren Einzelbildern. Die Hauptrollen spielen
Stühle: schlichte Hocker und Schnörkelwerk vor gitterartigem
Hintergrund, wie ihn manchmal Matisse verwandte. Andere tauchen aus
dem bloßen atmosphärischen Farbraum empor. Hier hängt
ein Jackett über einer Lehne, dort wurde eine Weinflasche abgestellt.
Niemals aber zeigt sich ein Mensch. Jeder Stuhl bedeutet nicht mehr
als eine Einladung - zum Platznehmen und zur Sammlung. Zur Erfahrung
von Raum ganz allgemein, von Landschaftsraum und Innenraum. Innenraumerlebnisse
können jedoch traumatischer Natur sein. Die wiederkehrende Gitterstruktur
mag Einengung signalisieren und auf klaustrophobisches Empfinden
verweisen. Dömer faßt hier die Welt ohne Mensch ins Auge,
aber der Betrachter trägt ihn hinein. Menschen ohne Welt, losgelöstes,
zweisames Tun, beschreibt Dömer derweil in einer Folge feinster
Bleistiftzeichnungen, die in der neuen Gruppenausstellung des Frankfurter
Kunstvereins: "Medium
Zeichnung" vorgestellt werden. Hat Dömer den Duktus Kirkebys,
den er noch vor zwei Jahren erkennbar adaptiert hatte, inzwischen
völlig
hinter sich gelassen und zu einer eigenen Handschrift gefunden, so
spricht bei Stratmann der Lehrer noch aus fast jedem Pinselstrich.
Die endgültige
Abnabelung steht noch aus. Geräumige, meist hochformatige Bilder,
die als "Garten" oder "Wintertag" für sich
werben, gefallen wegen der überlegten Durchbildung des Flächenraumes,
die man aber auch andernorts sehen kann......"
BA