Subjekt – Objekt

Anne

von Rolf Lauter, 1994

Frank Dömer thematisiert Malerei über die formale Geste der Abstraktion und Motivvariation, die Bildserie oder Gruppe. Der Bildgegenstand, den er behandelt, ist der Gegenstand der Erfahrungswirklichkeit, die Suche nach den Bildern des Privaten, Intimen und der Erinnerung. In der Arbeit Public Enemy (1992/93) etwa sind es annähernd 100 Bilder kleineren Formats, in denen er anhand des Themas >Stuhl< malerische Reflexionen anstellt. Der Alltagsgegenstand wird als ein variables funktionales Objekt, als Teil eines räumlichen Zusammenhangs oder als wahrnehmungsästethische Größe behandelt. Kein Gegenstand – und mag es auch oft so scheinen – ist einem anderen gleich. Dömers malerisches Problem ist das Problem des Individuums und der Masse, der Subjektivität der Wahrnehmung gegenüber der Objektivität der Idee. Die Malerei gibt dem Künstler die Möglichkeiten, einen Gegenstand in seiner raum- und zeitbezogenen Erscheinungsweise wiederzugeben. Malerei wird als abstrakte, gleichzeitig aber auch als reale Größe aufgefaßt. Demnach ist es nur konsequent, daß Dömer sich an Vorbilder aus der Kunstgeschichte anlehnt. Er zitiert Motive, Malweisen oder Inhalte und macht die Malerei zu einem selbstbezüglichen Medium. Eine Serie von Frauenakten aus dem Jahr 1993 zeigt eine Verdichtung der Wahrnehmung des Künstlers auf >Augenblicke<, Momentaufnahmen der im Gedächtnis verhafteten Vorstellungen eines Menschen, eines Körpers. Einzelne Körperteile werden in ihrer erotischen Präsenz zu >Objekten der Begierde<, stilisiert. Gelegentliche Bildtexte pointieren die Darstellungen zu Erzählungen, ohne daß der Betrachter eine Geschichte je ganz auflösen könnte. Malerei als biographisches Notizbuch. Der weibliche Akt ist meist eingebunden in eine anonyme farbige Räumlichkeit, in einen offenen Gedankenraum. In der Serie Anne I-V (1993, s. Abb.) wird eine in Grautönen gemalte Frau in eine von bläulichem Rot getränkte Strandlandschaft eingebettet. Die Erinnerung verändert ein Bild, eine Vorstellung von einem Menschen. In der kleinen Serie mit vier grau in grau gemalten Bildern Ohne Titel (1992), die eine Frau am Strand zeigen, holt der Künstler – beginnend bei einer Fernansicht – die Figur mit jedem neuen Bild stufenweise näher zum Betrachter. Mit zunehmender Nähe verdichtet sich der Blick auf den Körper und schließlich auf die nackten Brüste der Frau. Ein Stilleben geht unmerklich in einen Akt über. In seiner jüngsten Arbeit, einer Werkgruppe aus insgesamt 20 gleich großen Bildern, die alle aus einem grün gefärbten und mit Mustern bedruckten Stoff bestehen, auf den der Künstler in ein Rechteckfeld mit helleren Blau- und Grautönen kleine sitzende, liegende, spielende oder lachende Kinder gemalt hat, wird nochmals eine stärkere bildnerische Konsequenz deutlich. Das kleine Kind, ein beliebtes Beobachtungsobjekt des familiären Alltags, wird hier zum Gegenstand einer sich selbst beobachtenden Malerei. Motiv- und Formvariationen dienen dem Durchspielen eines Themas nach unterschiedlichen inhaltlichen und formalen Richtungen. Kunstgeschichtliche Paraphrasen vermischen sich mit Bildern der Gegenwart. Raum und Zeit scheinen aufgehoben zu sein. Die hellblauen Farbtöne >entrücken< die Darstellungen der Realität. Nur die als Rahmen stehengebliebenen Stoffteile stellen die Verbindung zum jetzt her. Die Gestaltungen selbst scheinen aus dem Unterbewußtsein, aus der Erinnerung aufzutauchen, beginnen, sich in unseren Gedanken wie entfernte Bilder unserer eigenen Kindheit zu bewegen. Mit dieser Werkgruppe setzt Frank Dömer Teile unseres Gedächtnisses frei, läßt er uns einen kleinen Teil unserer kollektiven Vergangenheit spüren.

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