Public Enemy 1990

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von Susanne Lange

Frank Dömers bislang größte, allein das Thema „Stuhl“ variierende Bildfolge trägt den Titel „Public Enemy“. Im Gesamtkontext seiner Arbeit bezeichnet sie zugleich eine Art Wende auf der Suche nach einer möglichen Gegenständlichkeit als thematischer Ausgangspunkt seiner Malerei. Die aus 96 gleichformatigen Werken bestehende Bildfolge ist im Laufe eines knappen Jahres entstanden. In ihr lotet Frank Dömer seine Auseinandersetzung mit einer gegenständlichen Malerei vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte vielfältig aus. Zitate aus der Kunstgeschichte, von Caravaggio, van Gogh oder Matisse, sind daher bewußt in die Bilder eingebracht. Manchmal bleiben sie nur noch als Stimmung spürbar oder werden, formelhaft, als Raster und Ornament Bestandteile des Hintergrunds. Während manche Stühle sehr detailliert ausgearbeitet werden, sind andere nur schematisch mit wenigen Pinselstrichen skizziert. Es gibt einfache Hocker, verschnörkelte oder fast barock zu nennende Stühle, mit ihren Proportionen aus dem Bild drängende, metaphysisch wirkende Stühle, schwebende, hängende, tanzende Stühle, manche sind verzerrt oder verwischt, andere wirken wie abgestellt. Der Hintergrund, in den die Stühle eingebunden sind, oder der als bloße Projektionsfläche für den Gegenstand fungiert, ist sehr frei gestaltet: Ornamente, Raster, Kratzer, Gitter, Flächen, Räume, Landschaft. Folien für Schauplätze vielfältiger Art, aber auch Lust am Material. Von wenigen, den Stühlen hinzugefügten Gegenständen abgesehen, etwa die über eine Lehne gehängte Jacke oder ein Bierglas, ist es das Motiv des Feuers, das in vielen Bildern wiederkehrt. Feuer und Holz, zwei Komponenten, deren Zusammentreffen zwangsläufig zu Flammen führt, die den Gegenstand verzehren, zerstören und vernichten, die andererseits aber auch Wärme spenden, bleiben hier seltsam isoliert. Selbst wenn die auf einem Stuhl abgelegte Maler-Palette in Flammen steht, wird das Feuer nie spürbar zum Zeichen der Bedrohung. Wie die anderen Gegenstände setzt es Frank Dömer immer additiv; eine eindeutige Bedeutungszuweisung bleibt offen.
Daß die Stühle fast überwiegend nur drei Beine haben, fällt beim ersten Anschauen kaum auf. Zu schnell ist der Gegenstand, und wäre er nur Fragment, als Stuhl codiert und identifiziert. Drei Beine, sagt Frank Dömer, bedeute auch Zurücknahme von Macht und Übernahme von Verantwortung, dabei an die kulturgeschichtliche Bedeutung des vierbeinigen Stuhls denkend, der ursprünglich für das domestizierte, unterworfene Tier stand. Übernahme von Verantwortung impliziert Bewußtsein für die Geschichte, macht den funktionalen Stuhl, das heißt, den nicht funktionierenden Stuhl zum Sinnbild des Titels. Jeder einzelne der 96 Stühle bleibt dabei immer auch das Bild eines Stuhles, der in der Aneinanderreihung, in der Potenzierung seiner selbst an Individualität und damit an Symbolhaftigkeit verliert und schließlich auch zum Zeichen seiner eigenen Gegenständlichkeit wird.

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