Landschaft ist stets in Bewegung

von Jürgen Kisters
Die Landschaftsmalerei, als Natur- oder Stadtlandschaft, hat eine lange Tradition. Umso schwieriger ist es für zeitgenössische Künstler, neue Varianten in diesem Genre zu entwickeln. Ungewohnte und individuelle Sichtweisen zum Beispiel, die uns die Landschaft in unbekannten Farben und Formen sichtbar werden lassen. Oder konzeptuelle Naturstudien, die den Blick auf völlig unerwartete Aspekte lenken. So macht es beispielsweise der Kölner Künstler Frank Dömer in seinen Gemälden.

Waldszenen und Berglandschaften sind bevorzugte Motive seiner Malerei, die durch eine verhalten kraftvolle Farbigkeit und verschachtelte Kompositionselemente besticht. Gelernt hat er diesen gleichermaßen empfindsamen wie konzeptuellen malerischen Zugang zur Landschaft im Kunststudium an der Frankfurter Städelschule bei Per Kirkeby, einem der zeitgenössischen Meister in der künstlerischen Darstellung von Natur- und Landschaftserfahrung.

Ebenso ungreifbar virtuos wie sinnlich-bodenständig zeigt Dömer die Landschaft als eine vielschichtige Szenerie, die unaufhörlich in Bewegung ist. In einem Bild lenkt er die Wahrnehmung in der Anordnung von Bäumen auf Elemente der Rhythmisierung. In anderen liegt der Akzent auf Lichtzonen, in denen die Dimension von Offenheit und Weite zur unübersehbaren Größe wird.

Während der Künstler in keinem einzigen Gemälde die gegenständlich-gestalthafte Grundlage unserer Landschaftswahrnehmung aufgibt, treibt er die Farben und Formen doch immer wieder entschieden in eine Richtung, in der ihre Verwandlung oder Auflösung sich andeutet. Diese malerische Tendenz zu einer nahezu analytischen Zerlegung unterscheidet ihn von allen romantischen, impressionistischen und sogar expressionistischen Vorgängern der Landschaftsmalerei, in deren Tradition er zugleich fest verwurzelt ist.

Im Fazit heißt das: Nicht subjektives Naturgefühl und Träumerei, sondern der Wille zum malerischen Landschaftskonzept sind der Dreh- und Angelpunkt in Dömers Malerei. Dass dem Künstler dabei eine stimmige Verbindung kontrolliert-kalkulierter Abstraktion und handfester Bezauberung gelingt, ist umso verblüffender.

Der Text erschien zuerst am 1. Juni 2011 im Kölner Stadt Anzeiger

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