JOURNAL

New York City 2001 • 2002 • 2005 (english)

Wir fahren an diesem Morgen nach Coney Island. Das Wetter ist plötzlich schön geworden. Bei unserer Ankunft wurden wir noch von Schneestürmen auf der Lexington Avenue begrüsst und zwei Tage später lockt uns ein vielversprechendes Vorfrühlingshoch ans Meer hinaus.
Die U-Bahn bringt uns zuerst nach Brooklyn, eine nicht endende Reise durch Stadt. Brooklyn Museum am Eastern Parkway, ein ruhiger, dunkler Ort; Museum, Besucher und Wärter aus der Zeit gefallen. Gezeigt wird aber Kunst, von vor der Zeit: noch nicht die Dinner Party von Judy Chicago, aber es war gerade Sensation gelaufen, was den alten Rudolph Guiliani und seinen Kardinal
John O‘ Connor natürlich gewaltig in Wallung versetzte. Die mit Elefantendung befleckte Heilige Jungfrau Maria hängt noch und wird, aus Angst vor Protesten von einer Menge Sicherheitskräfte beschirmt. Die Afrika Sammlung als eine der ersten ihrer Art in den Vereinigten Staaten, aber auch die altägyptische Kunst werden auf seltsame Art umrahmt und in die Gegenwart versetzt.


Coney Island im Winter. Einsame Strände mit traurigen Möwen deren abfallende Schreie uns vorwurfsvoll begrüßen. Achterbahn und Aquarium sind verwaist und auf der Strandpromenade wandern nur ein paar osteuropäische Emigranten, die in den nahe gelegenen Neualtbauten wohnen. Immerhin haben sie Ausblick auf den gewaltigen Atlantik, so denn die Fenster seewärts liegen.
Ebenfalls gewaltig kommt das neue Modern (der New Yorker sagt nie MOMA!) daher. Hier sind schon früh Ausstellungen Ereignisse und anders als im Brooklyn Museum leuchten das Haus und die Kunst oder erstrahlen in weiß. Extrahiert wird die Essenz der Kunst der Welt. Was in Afrika begann; hier findet sich seine Vollendung. Was in Europa fehlt; hier findet es sich wieder. Und die amerikanischen Helden der Kunst- und Designwelt versammeln sich.
Cafes und diners sind auf Reisen der Ersatz für private Rückzugsflächen daheim. Wenn man ermattet auf das rote Kunstleder sinkt, das sich über gekacheltem Boden erhebt, kann man, teilnehmend am Fremden, vertraute Rituale erledigen. Mails checken, SMS senden oder sogar Postkarten schreiben. Auf Papier. Mit Photo vorne drauf. Vom Empire State. Oder Lady Liberty.
Frühstücken in Jahrhundertwende-Hotels (also 19. auf 20. Jahrhundert):
Ein abgedunkelter mit Kunstlicht erleuchteter Raum ohne Fenster oder Luftzufuhr, wenn man von der Klimaanlage absieht. Runde, mit plissierten Decken behangene Tische, umstellt von zu niedrigen, zu weichen Sesseln.
Eifrig herumstehende, livrierte Kellner, Bedienstete, Ober? Auf Handzeichen sich in Bewegung setzend, die Wünsche nach Tee oder Kaffee erfragend und darauf hinweisend, daß auch Rühreier mit Speck möglich und zum Weizen- oder Vollkorntoast passend wären und, wenn man sich dann doch für Porridge oder Toast mit Butter entscheidet wieder ins eifrige Herumstehen entschwindend.
Die Wallstreet hat uns ja alle das Fürchten gelehrt. Steht man jedoch dort, ist es gar nicht so sehr bedrohlich. Wenn überhaupt kommen einem im Angesicht der grauen Häuserzeilen die grauen Männer in den Sinn. Aber das war ja ein Märchen und dies ist dollarharte, zu Stein gewordene Realität, die sich mit Fahnen schmückt. Wie sich hier ja eigentlich jedes Gebäude mit Fahnen und Flaggen schützt. Und es ist verwirrend, daß diese Stadt und dieses Land, Reinheit und Unschuld beschwören, stolz sind auf Tapferkeit und Widerstandskraft aber einen Furor von Überwachung, Sturheit und Rachsucht entfesseln.

Verständlich wird dies, wenn man vor der Wunde der zwei Türme steht und plötzlich das Gefühl hat, selbst verletzt worden zu sein.

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